Kapitel 1 – Im Tal der Schwarzen Laber

 

Etwas war faul an den toten Hühnern. Der süßliche Geruch von frischem Blut mischte sich mit einem Hauch von Stroh und einer beißenden Note feuchten Mists. Doch da war noch mehr, etwas Ungewohntes, etwas, das Hias einen Schauer über den Rücken jagte. Schwefel. Er rümpfte die Nase und zog die Augenbrauen zusammen. Ihn fror. 

Das Federvieh lag quer über den Hof verteilt. Die Sonne strahlte so stechend grell hinter der dichten Nebelwand, dass Hias immer wieder die Augen zusammenkneifen musste. Lange konnte es nicht mehr dauern, bis die wabernden Schwaden sich endlich auflösen würden. Er konzentrierte sich auf den seltsamen Duft. Der Schwefelgestank hing gleichmäßig über den toten Tieren. 

Auf den ersten Blick schien es ein Fuchs gewesen zu sein, der die Hühner gerissen hatte. Die meisten Köpfe waren abgebissen, zerrupfte Federn übersäten den Boden und wilde Kampfspuren zeichneten sich im Blumenbeet ab. Die Hyazinthen waren völlig verwüstet. Vierundzwanzig Hühner hatten das Massaker nicht überlebt, drei weitere galten noch als verschollen. Seltsam allerdings war, dass der Gockel sein Ende in den Zinken einer umgestürzten Mistgabel gefunden hatte.  

"Der ist wohl hin", merkte Hias mit gedämpfter Stimme an und hielt die vermeintliche Todesursache in seinem Notizbuch fest. Tod zwecks Durchbohrung. Hinter ihm konnten die Polizisten ein hämisches Grinsen kaum unterdrücken. 

"Dann viel Erfolg mit den Ermittlungen!", scherzte der kleinere von beiden nicht ohne Schadenfreude. Sie wandten sich ab, verabschiedeten sich kurz von der überfordert dreinschauenden Hoferbin und stiegen in ihren Wagen. Bei Einbruch oder Diebstahl wären sie zuständig gewesen. Füchse oder Marder aber lagen nicht in ihrem Kompetenzbereich. So mussten sie sich auch nicht um die Kadaver kümmern. 

"Nehmen Sie's nicht so schwer", versuchte Hias, die junge Hausherrin aufzumuntern. "Viel gespürt haben die nicht..." Er fuhr sich mit der Hand über die rötlich blonden Koteletten und rückte die Nickelbrille zurecht. "Davon kann man zumindest ausgehen." 

Franziska ließ sich auf die alte Bank neben der Regenrinne sinken. Es war dieselbe Bank, auf der schon ihre Eltern gesessen hatten, ebenso wie ihre Großeltern. Die Enttäuschung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Sie war keine Bäuerin, und sie würde vermutlich auch nie eine werden. Selbst, wenn sie sich bemühte. Daran änderte auch das rote Kopftuch mit den weißen Punkten nichts, das sie als kleines Mädchen schon beim Ausmisten getragen hatte. Sie hatte es wiedergefunden, nachdem sie vor zwei Jahren auf den Hof zurückgekehrt war. Oder besser: Zurückkehren musste. Nach einem überraschend guten Start und einer erfolgreichen Ernte, die sie hauptsächlich den zupackenden Händen all ihrer Freunde verdankte, hatte sich das Blatt nun gewendet. Nichts lief mehr, wie es laufen sollte und wenn es so weiterging, würde sie vermutlich die letzte Rosnerin sein, die auf dem alten, der Länge nach gespaltenen Baumstamm saß, an den ihr Großvater vor vielen Jahren eine provisorische Rückenlehne genagelt hatte.  

"Der Teufel scheißt wirklich immer auf den größten Haufen ...", murmelte sie und starrte auf ihre leeren Hände. Ihre Finger hatten gelernt, Geige und Gitarre zu spielen. Um Schaufeln, Hacken und Sensen hatte sie lange einen weiten Bogen gemacht. 

"Darf ich?" Hias deutete auf den freien Platz neben ihr. Franziska nickte. Er setzte sich auf das vom Morgentau feucht glitzernde Holz und eine Weile ließen beide ihre Blicke geradeaus in die Ferne schweifen. Doch die Kälte kroch schneller durch seine blaue Diensthose, als er erwartet hatte. Hias begann, unruhig hin und her zu rutschen. 

"Manchmal denke ich, ich sollte einfach verkaufen." Franziska ließ den Kopf sinken und stützte die pochenden Schläfen in die Handballen. 

Hias räusperte sich. "Also, wegen den Hühnern ..." Er kratzte sich an der hohen Stirn. "Da müssen wir noch mal ..."

"Ihre Kollegen waren ja nicht besonders hilfreich", unterbrach Franziska ihn. 

"Tut mir leid. Die können nix machen, wenn da kein Verbrechen vorliegt. Ich meine, gut, wenn es eine Schießerei gewesen wäre, aber so ..." 

"Was aber?!" Franziska blickte Hias aus müden Augen an. "Es denken doch sowieso schon alle, dass ich unfähig bin. Wahrscheinlich heißt es jetzt, ich hätte den Stall offen gelassen oder den Zaun nicht dicht gemacht oder ..." 

"Es will Ihnen ja keiner was Böses", warf Hias hastig ein. "Es ist nur ... also, die baurechtlichen Vorschriften besagen eindeutig, dass ..."

"Wollen Sie mir jetzt auch noch einen Knüppel zwischen die Beine werfen?!" 

"Nein." Hias starrte auf seine Zehen. Sie steckten in graublauen Sicherheitsschuhen. Das Ordnungsamt Nittendorf bestand gegenüber seinen Mitarbeitern zwar nicht auf diesen schweren Tretern, doch sie verliehen Hias meistens, was der Name verhieß: Sicherheit. Jetzt aber blieb die erhoffte Wirkung aus. Ganz im Gegenteil. Am liebsten wäre er, dem Gewicht seiner Schuhe folgend, direkt im Boden versunken. 

"Vielleicht gibt’s ja einen Weg, wie ich über die ganze Sache hinwegsehen kann ..."

"Wollen Sie mir etwa krumme Angebote machen?!" Franziska stand ruckartig auf und wies zur Hofausfahrt. "Schauen Sie, dass Sie weiterkommen!" 

"Um Gottes willen, nein! Ich meine... zum Beispiel die Mistgabel. Ich glaube nicht, dass der Gockel da von allein reingesprungen ist." 

"Und was soll das jetzt heißen?" Abwartende Skepsis lag in ihren blau-braun-gesprenkelten Augen.  

"Na ja, also, nehmen wir mal an, ich hätte einen begründeten Verdacht, dass hier irgendwer am Hof randaliert hat, also irgendwer Außenstehendes, völlig egal wer, vielleicht ein dummer Jungenstreich oder Vandalismus, dann hätte ich eine Erklärung für die Anrufe aus der Nachbarschaft. Denn die haben mich ja wegen dem höllischen Lärm aus dem Bett geklingelt. Wenn ich das so in den Bericht schreibe, dann müsste ich nicht auf das kaputte Vorhängeschloss am Stall eingehen. Also, das hab' ich jetzt eigentlich auch gar nicht erwähnt, das kaputte Vorhängeschloss ..." 

Ein erschöpftes Lächeln huschte über Franziskas Gesicht. "Mögen Sie Kaffee?"

Hias nickte. 

"Kommen Sie. Ich setze einen auf." 

 

Als Franziska Hias in die Stube führte, ließ der Schatten vom Rosnerhof ab. Dem Nebel gleich wich er höher und höher in die bewaldeten Hänge über dem Tal der Schwarzen Laber zurück. Nichts sollte von ihm bleiben, als eine Schneise zwischen gefallenen Blättern und lockerem Geröll, die sich schließlich im Nirgendwo verlief. Auch der Schwefelduft verflog. Das panische Gekreisch der Vögel aber war noch stundenlang bis in die Dörfer zu hören. Wanderer, die auf dem Jura-Steig zwischen Eichhofen und Schönhofen unterwegs waren, beklagten in der Wirtsstube später eine plötzliche Windböe, die mit ohrenbetäubendem Brausen über sie hereingebrochen war. Die einen vermuteten einen Wetterumschwung, der die Tiere verrückt gemacht hatte, die anderen regten sich über Baufahrzeuge auf, die an diesem Morgen mehr als sonst zu fahren schienen. 

Die Vögel schrien, bis die Glocken Mittag schlugen. Dann erst wollte das Leben im Wald sich wieder beruhigen. 

 

Der würzige Espresso bescherte Hias und Franziska ein erstes Lachen an diesem Morgen. Doch es war ein langer Weg bis dahin. Zuerst hatten sie noch die toten Hühner in Müllsäcke verpackt und im Hof gestapelt. Nun standen sie am Küchentisch. Aus dem Ofen dufteten frische Semmeln herüber, und obwohl es lediglich eine Fertigteigmischung war, die nur aufgebacken werden musste, ließ die Vorfreude auf Honig, Butter und kräftigen Schinken die Kadaver für eine Weile in Vergessenheit geraten. Franziska rückte die blau-weißen Porzellanteller auf der rot-weiß karierten Tischdecke zurecht und versuchte, das farbliche Durcheinander mit großzügig ausgelegten Servietten zu beruhigen. Hias trat währenddessen von einem Fuß auf den anderen. Den dampfenden Espresso in der rechten Hand, die Untertasse in der linken, stand er immer im Weg, ganz gleich, wohin er auch versuchte auszuweichen. Es wollte ihm einfach nicht gelingen, einen Schluck zu nehmen oder die Tasse abzustellen. 

"Jetzt setzen Sie sich endlich!" Franziska deutete lachend auf den Stuhl neben der Fensterbank. "Bitte!"

"Danke. Das ist wahrscheinlich wirklich besser ..."

"Wahrscheinlich?" Sie zog amüsiert die Augenbraue hoch. 

"Wirklich." 

Hias bemühte sich, ihr Lachen zu erwidern. Doch sie hatte sich bereits abgewandt. Sie suchte den Zucker. Wie gewünscht ging er in das angewiesene Eck und schob mit dem Fuß den Stuhl zurück. Die Tasse vor der Nase balancierend zwängte er sich an den Tisch. 

Es dauerte noch eine Minute, bis die zweite Runde Espresso fertig war. Dann fand auch Franziska Zeit, es sich gemütlich zu machen. Sie stellte die Kanne ab, stützte das Kinn in die Hände und atmete den heißen Duft mit geschlossenen Augen ein. Sie hatte schon länger keine Gäste mehr in der Küche bewirtet. Die heimelige Stimmung ließ sie plötzlich wehmütig werden. Früher, als ihre Eltern noch lebten, war es nie so still im Haus gewesen. Irgendwer wusste immer etwas zu erzählen. Die Küche wimmelte geradezu von Tratsch und Geschichten. Jetzt aber herrschte Schweigen. 

Hias Blicke wanderten ein paar Mal zwischen Frühstückstisch und Franziska hin und her. Sie schien ihn für den Moment vergessen zu haben. Seine Tasse war leer. Er räusperte sich, doch Franziska hing weiter ihren Gedanken nach. Er schaute sich um. Die Küche war klein aber aufgeräumt. Nicht ein Spinnennetz hing an der Decke. Im Eck stand ein schwarz lackierter Buffet-Schrank aus dem letzten Jahrhundert. Der wollte so gar nicht zu dem blättrigen Weiß der alten Fachwerkwände passen, die ihn umgaben. Hias sah auf den Boden seiner Tasse. Es gab zwar einen Kaffeesatz, doch er konnte nichts darin lesen.  

"Als ich noch ein kleines Mädchen war, hat meine Mutter versprochen, dass unserem Hof nie etwas passieren kann", setzte Franziska schließlich an. "Die Moosleute würden schon auf uns achtgeben ..." 

"Die wer?" 

"Die Moosleute. Noch nie gehört?" 

Hias schüttelte verwundert den Kopf. "Nein. Nie." 

"Gott, was hab' ich diese Geschichte geliebt!" Franziska schenkte zwei neue Tassen ein und begann zu erzählen. "Kleine dienstbare Wesen, irgendetwas zwischen Zwerg und Waldgeist. Meine Oma meinte, das wären arme Seelen, die noch Buße leisten müssten. Darum helfen sie den Menschen. Quasi als gute Tat, damit sie irgendwann einmal erlöst werden können. Sie hausen im Wald, in Baumstümpfen oder hohlen Stämmen und den Menschen in ihrer Nähe soll es immer gut ergehen." Sie hielt inne. "Früher habe ich wirklich geglaubt, ich könnte sie sehen." 

"Und?" Hias schlürfte vorsichtig einen Schluck aus der randvollen Tasse. "Wie sahen sie aus?"

Franziska überlegte. Doch sie fand keine Erinnerung mehr. "Ich hab's vergessen..." Sie stand auf und öffnete den Ofen. 

"Heiß!" Nur mit einem zusammengeknautschten Spültuch zwischen den Fingern zog sie das Backblech heraus. Sie drapierte die Semmeln in einem kleinen Brotkorb, legte ein scharfes Messer dazu und überlegte, was noch fehlen könnte. Dann fiel ihr Blick auf einen Apfel und sie begann, ihn als Dekoration in kleine Spalten zu schneiden. 

"Vielleicht mit spitzen Ohren?" Hias schaute fragend von seinem Teller auf. "Oder Zipfelmützen?" 

"Ich weiß es nicht mehr." Franziska stellte die letzten Zutaten auf den Tisch und setzte sich wieder. "Aber nett, dass Sie fragen. Es war nur eine Erinnerung." 

"Immerhin eine schöne."

"Ja, eine schöne. Mögen Sie?" Franziska hielt Hias den Brotkorb hin. "Muss ich die Hühner eigentlich zur Tierkörperverwertung bringen?" 

"Ich kümmere mich drum." Hias schnitt seine Semmel auf, bestrich sie dick mit Butter und einer hauchdünnen Schicht Honig. "Ich kenne den Veterinär. Ich weiß bloß nicht, ob er auch die Müllsäcke nimmt. Wegen dem Plastik und so ..."

Franziska brach in schallendes Gelächter aus. "Gott! Wenn mir vor zwei Jahren einer gesagt hätte, dass ich mich beim Frühstück mal über Tierkadaver unterhalten würde ... Ich habe mein halbes Leben lang versucht, von diesem Hof wegzukommen ... und jetzt ... jetzt will ich ihn nicht mehr hergeben." Ihr Gesicht verdüsterte sich. "Aber ich schaff das einfach nicht alleine." Sie stockte. "Entschuldigung ... das ist nun wirklich nicht Ihr Bier." 

"Vielleicht müssen Sie nur die Moosleute finden ..." 

"Ja. Das wäre zu schön, um wahr zu sein." 

Für einen kurzen Augenblick herrschte Stille. Dann fing im Hof ein Huhn an zu gackern. 

"Das gibt's doch nicht! Entschuldigung!" Franziska sprang auf und rannte über die Treppe nach draußen. 

Hias kaute schweigend zu Ende. Dann nahm er eine zweite Semmel und einen Streifen vom Schinken und folgte Franziska nach unten vor die Türe.  

 

"Süße, was machst du denn für Sachen?" Rosalie saß im Schneidersitz am Boden und hielt ein quietschvergnügtes Huhn im Schoß. Zwei weitere scharrten nur eine Armeslänge von ihr entfernt munter im zerstörten Blumenbeet. Vor Freude lachend klatschte Franziska in die Hände und lief ihrer Freundin entgegen. Hias blieb überrascht im Türrahmen zurück. Die beiden fielen einander um den Hals, als ob sie sich eine Ewigkeit nicht mehr gesehen hätten. Die Hühner trippelten einen Moment lang aufgescheucht durcheinander, dann schienen sie den Anlass ihrer Erregung schon wieder vergessen zu haben und machten sich auf die Suche nach Regenwürmern oder anderen Leckereien. 

Hias fühlte sich auf einmal sehr fehl am Platz. Während die beiden Frauen miteinander redeten, wollte er sie nicht unterbrechen. Da es aber auch nicht so aussah, als ob sie ihn in nächster Zeit beachten würden, machte er sich auf den Weg. Er würde sich später melden, wenn er den Veterinär erreicht hatte. Er steckte die Semmel in die Tasche, den Schinken in den Mund und marschierte zu seinem Rad, das außen an der Scheune lehnte. 

Während Hias an der Schwarzen Laber entlang zurück nach Nittendorf fuhr, ließ er seinen Blick vom Fluss über die Jurafelsen schweifen. Sie ragten so unvermittelt aus den grünen Wiesen empor, als seien sie dort gerade eben erst gewachsen. Dabei waren sie Millionen von Jahren alt. Der Zahn der Zeit hatte sie geformt, und doch schien er ihnen nichts anhaben zu können. Zu Menschen war die Zeit weit weniger nett. Bei diesem Gedanken stolperte Hias über Rosalie. Das letzte Mal hatte er sie vor sieben oder acht Jahren gesehen. Er stand damals gerade am Ende seiner Ausbildung beim Ordnungsamt, sie versuchte, sich mit einem kleinen Antikladen in Velburg über Wasser zu halten. Er suchte ein Geschenk für den Geburtstag seiner Tante und am liebsten hätte er ein Königlich Bayerisches Posthorn gekauft. Doch Rosalie überredete ihn zu einem Satz versilberter Schnapsgläser mit den Wappen der acht Regierungskreise von 1838. Tatsächlich landete er mit diesem Geschenk einen Volltreffer, und die Stamperl kamen rege zum Einsatz, wann auch immer sich die Tante mit ihren Freundinnen traf. 

Wahrscheinlich hätte Hias Rosalie niemals wiedererkannt, wenn sie sich wie jeder Mensch verändert hätte. Doch das hatte sie nicht. Sie sah noch genau so aus, wie damals in ihrem kleinen Laden. Eine schlanke, hochgewachsene Frau von Ende zwanzig mit glatten, kastanienbraunen Haaren und ebenso kastanienbraunen Augen. Genau diese Augen waren ihm seit damals im Gedächtnis geblieben. Sie schienen älter als Rosalies sonstige Erscheinung, beinahe wie aus einem anderen Leben. Ihr Blick war still, ein wenig schüchtern. Und doch war es ein Blick, dem man nicht ausweichen konnte. Es lag eine unausgesprochene Frage in ihren Augen. Keine Anklage. Kein Zweifel. Nur eine Frage. Schon bei ihrer ersten Begegnung hatte Hias das Gefühl, ihr eine Antwort zu schulden, doch er hatte sich nie darüber Gedanken gemacht, was die Frage eigentlich war. Dieses seltsame Gefühl blieb bestehen, solange Rosalie schwieg. Sobald sie aber anfing zu reden, war der Zauber verflogen. Sie redete schnell, vielleicht sogar ein wenig zu schnell, und ließ man sie zu lange reden, begann sie früher oder später zu plappern. Es hatte sich nichts verändert. Vielleicht, weil die Zeit zu ihr besonders gnädig war.

 

Später im Amt telefonierte Hias mit dem Veterinär, der anbot, die Hühnerleichen noch am Abend abzuholen. Solche Beißattacken wären zwar sehr selten, meinte der Arzt, doch sie könnten hin und wieder vorkommen, wenn die aufgescheuchte Beute durch ihr panisches Verhalten den Tötungsinstinkt des Räubers immer wieder neu provozierte. Es hätte sogar schon Fälle gegeben, bei denen Füchse nach einem Blutbad vollkommen entkräftet im Hühnerstall zusammengebrochen waren. Doch das läge dann meistens an der Enge der Ställe, die die allgemeine Panik bei Beute und Räuber noch zusätzlich verschlimmerte. Dass eine solche Attacke draußen im Freien geschah, hatte der Veterinär noch nicht erlebt. 

 

 

 Kapitel 2 – Der Bilmesschnitter

 

Drei Tage später gab es die nächsten Beschwerden. Angeblich war Nacht für Nacht wieder enormer Lärm auf dem Rosnerhof zu hören und irgendjemand sollte mit brennenden Fackeln die Felder unsicher gemacht haben. 

Hias war es zutiefst zuwider, dass ausgerechnet er sich darum kümmern musste. Er hasste es, schlechte Nachrichten zu überbringen. Doch weder die Brandschutzverordnung noch die Nachbarn ließen ihm eine andere Wahl. Er musste der Sache nachgehen. Also beschloss er, sich nachts auf die Lauer zu legen. Sollte an den Beschwerden auch nur ein Körnchen Wahrheit sein, wollte er sich mit eigenen Augen und Ohren davon überzeugen. Auch verschaffte ihm diese Entscheidung die Gelegenheit, das unbequeme Gespräch mit Franziska noch einen Tag hinauszuschieben. Oder zwei. Oder drei. 

Es war April und die Sonne ging schon gegen acht Uhr abends unter. Hias hatte sich bestmöglich vorbereitet. Die Thermoskanne war randvoll mit schwarzem Tee gefüllt, um ihn wach zu halten. Die Akkus seiner Taschenlampe waren frisch geladen und zwei Fleecedecken hatte er in seinem Rucksack auch noch verstauen können. Dazu ein Fernglas, Fotoapparat und einen Camping-Klappstuhl, den er am Speicher gefunden hatte, zwei Flaschen Weißbier und ein Glas, das er in die Decken wickelte. Schließlich noch zwei Leberkässemmeln, eine saure Gurke, und alles war perfekt. 

Hias Mountainbike ächzte ein wenig unter der zusätzlichen Last; es stammte noch aus den späten 90er Jahren. Keine Hightech-Dämpfer, kein Carbon. Dafür war es aber absolut unverwüstlich, auch wenn die Pedale mittlerweile quietschten. Lange hatte Hias es nur behalten, weil es durch seine rostige Schäbigkeit eine eingebaute Diebstahlsicherung besaß. In letzter Zeit aber musste er wieder aufpassen, denn inzwischen galt das Rad als Retro-Klassiker. 

Hias nahm die Route von Nittendorf über Schönhofen nach Eichhofen. Die Straße verlief parallel zum Fluss und wies keine Steigungen auf. Es gab wenig Verkehr, und trotz seines Gepäcks erreichte er nach knapp zwanzig Minuten sein Ziel.  

Die Biegung der Schwarzen Laber, von der man einen perfekten Blick auf den Rosnerhof hatte, lag nur gut fünfzig Meter neben der Straße. Hias lehnte sein Fahrrad gegen einen der Bäume, faltete den Klappstuhl auf und setzte sich gemütlich ans Ufer. In einem langen Zug schenkte er sich das erste Weißbier ein. Er schwenkte die Flasche kurz, um die Hefe vom Boden zu lösen und ließ sie in kreisenden Bewegungen durch die Schaumkrone gleiten. Dann prostete er dem strahlenden Sonnenuntergang zu, der langsam über die Hügel kroch. 

Als das gleißende Licht den Turm der Burgruine Loch erklomm, die hier über die Schwarze Laber wachte, schien es, als würde das alte Mauerwerk sich in pures Gold verwandeln. Eine Burg aus Gold. Schon als Kind hatte Hias diese Vorstellung geliebt. Zum Spielen war er oft mit Freunden in die Ruine geschlichen und gemeinsam hatten sie verborgene Schätze gesucht. Sie fanden Federn oder seltsame Knochen und hin und wieder sogar ein paar angelaufene Pfennige. Sie waren stolz auf ihre Funde, und an manchen Abenden, wenn sich die Bande wieder auf den Heimweg machte, begann die Ruine hinter ihnen geheimnisvoll zu glühen. Dann wussten sie, dass das vergrabene Gold noch immer irgendwo auf sie warten musste. Während unterhalb der Burg die Häuser Eichhofens im Schatten verschwanden, blitzte die Turmspitze wie ein Leuchtfeuer über dem Tal und erinnerte an seine große Vergangenheit. 

Auch wenn die Burg schon sehr verfallen war, so war sie dennoch etwas ganz Besonderes: eine von nur zwei echten Höhlenburgen in Bayern. Einst war sie wohnlich, kein finsteres Loch, wie der Name irrtümlicherweise vermuten ließ. Sie bestand aus einem weitverzweigten Netz von kleinen und großen Räumen, die vor Jahrtausenden auf natürliche Weise im Fels entstanden waren. Die Wohnräume waren mit hölzernen Wänden ausgekleidet, es gab eine große Feuerstelle, gemauerte Gänge, Türen, Lagerräume, und all das erstreckte sich über zwei Stockwerke verborgen im Fels. Von außen war dieses Labyrinth zwar unsichtbar, doch der mächtige Bergfried, der Turm, der den Eingang und die Nebengebäude bewachte, zeugte davon, dass mit Burg Loch nicht zu spaßen war. Sie schützte den wahren Reichtum des Tales: nicht Gold, sondern Eisen. Das Tal der Schwarzen Laber war das Tal der Hammerherren. Seit dem Mittelalter war das dumpfe Schlagen der schweren Hämmer hier allgegenwärtig. Große Hammerwerke, angetrieben von der Kraft des Flusses, bereiteten das Eisen auf, das hier verhüttet wurde. Selbst vor zweihundert Jahren noch galt das Tal als Industriestandort erster Güte. Nun aber erinnerte nichts mehr an diese glorreiche Zeit, und wer den Bergfried von Burg Loch sah, der dachte viel eher an Raubritter, Edelfräuleins oder Spukgeschichten - denn dazu lud die romantisch verfallene Ruine mehr ein als alles andere.   

Hias lehnte sich zurück und betrachtete schweigend das ewige Schauspiel. Langsam wich das goldene Licht, der Turm verwandelte sich wieder zurück in grauen Stein, und die unsichtbaren Hammerwerke verstummten. Der Himmel verfärbte sich von einem zarten Hellblau über Türkis hin zu einem immer kräftiger werdenden Orange, das auf dem dunklen Wasser des Flusses schließlich in tiefroten Funken verglühte. 

So groß die Welt auch sein mochte, jetzt und in diesem Augenblick hätte Hias nirgendwo anders lieber sein mögen als genau hier. Zumindest nicht, bis ein aufheulender Motor die Idylle zerstörte. Bei der Erschaffung der Schwarzen Laber hatte der Herrgott vermutlich nicht an die Staatsstraße 2394 zwischen Alling und Deuerling gedacht, sonst hätte er das Tal noch etwas breiter angelegt. Hias zog sich die Decke um die Schultern, holte das Fernglas heraus und begann, den Rosnerhof zu beobachten. 

 

Es wurde Mitternacht. Der abnehmende Mond stand silbern am Himmel. Sein schwaches Licht reichte gerade noch aus, um den Umriss des Hofes erkennen zu können. Hias hatte inzwischen auch die zweite Decke hervorgekramt und sich, einer Mumie gleich, hineingewickelt. Längst war er vom Bier auf den schwarzen Tee umgestiegen und hatte das Fernglas beiseite gelegt. Auf Dauer waren die Finger einfach zu kalt geworden. 

Zuerst glaubte Hias, dass es ein getuntes Motorrad war, das auf ihn zuraste. Das röhrende Geräusch schwoll schnell zu einem immer bissiger werdenden Kreischen an, doch es zeigte sich kein Licht auf der Straße. Stattdessen setzte von einer Sekunde auf die andere der Wind ein. Wie eine Säge, die sich durch Beton fraß, drohte das heranjagende Getöse Hias Trommelfelle zu zerfetzen. Erschrocken presste er die Hände auf die Ohren. Aus dem Nichts peitschten abgebrochene Zweige an ihm vorüber, Blätter und Halme, und ein Windstoß fegte die Thermoskanne davon, als wäre sie aus Papier. Hias wollte aufspringen, um nach ihr zu greifen, doch es traf ihn eine solche Böe, dass er mitsamt dem Klappstuhl zu Boden gerissen wurde. Schmerzhaft prallte sein Knie auf einen Stein, er rollte herum und der Wind riss ihm die Decken aus den Händen. Verzweifelt versuchte er, seine Sachen zusammenzuhalten, doch der Klappstuhl wirbelte bereits ins Wasser. Dann war der Spuk verflogen. Keuchend kam Hias auf die Füße. Der Inhalt seines Rucksacks lag in einer breiten Schneise über die ganze Wiese verstreut, die Decken hingen in den Bäumen. Hias hörte nur noch seinen eigenen Atem. Er ging schwer. Die Luft war eisig. 

"Sakradi! Was war das denn?!", entfuhr es ihm. Noch nie hatte er etwas Vergleichbares erlebt. 

Dann begann ein irres Kläffen und Jaulen aus der Richtung des Rosnerhofes. Hias konnte eine Bewegung erahnen, einen großen Schatten, doch Genaueres war aus der Entfernung nicht zu erkennen. Erst jetzt bemerkte er, dass sein Plan einen entscheidenden Fehler hatte: Der Beobachtungsposten lag auf der falschen Seite des Flusses. Hias fluchte. Er hatte nicht damit gerechnet, sich in irgendeiner Form einmischen zu müssen. "Das gibt’s doch nicht!" Für einen Augenblick zögerte er, das Fernglas und der Fotoapparat waren nirgends zu entdecken. Ihm schlug das Herz im Halse. Noch während er unschlüssig dastand, zeichnete sich plötzlich eine dichte Rauchfahne im fahlen Mondlicht ab und wehte vom Hof herüber. Funken stoben durch die Nacht. "Ja, zefix!", hörte Hias sich selber brüllen. Dann sprintete er los. Kurzentschlossen biss er die Zähne zusammen und sprang in die Schwarze Laber. Der Fluss war weder tief noch schnell. Doch er war kalt. Schlotternd erreichte Hias nach nur wenigen Schwimmzügen das andere Ufer. Triefend arbeitete er sich die Böschung hinauf und rannte auf den Acker des Rosnerhofes zu. Ein Heulen hob an, wie ein Rudel Wölfe, das die Jagd eröffnete. Doch es war lauter, schriller und es schien aus tausenden von Mäulern zu kommen. 

Hias entschied sich für den kürzesten Weg, direkt durch das frische Weizenfeld. Die jungen Pflanzen reichten ihm gerade bis hinauf an die Waden. Doch von einem Augenblick auf den nächsten war das Jaulen hinter ihm. Irritiert warf Hias einen Blick zurück über die Schulter – und Panik überkam ihn. Eine pfeifende Windhose schoss geradewegs auf ihn zu. Sie nahm Fahrt auf, verfolgte ihn, wuchs und wuchs und folgte jedem Haken, den er schlug. Als hätte ihn eine gigantische Hand gepackt, riss es ihn schlagartig in die Höhe und unsichtbare Finger pressten ihm den Atem aus der Lunge. Dann schmetterte die Hand ihn wieder auf den Boden. Es wurde schwarz um ihn. 

 

Als Hias wieder zu sich kam, lag er auf dem Rücken. Es herrschte vollkommene Stille. Er blinzelte. Es war noch Nacht. Der Mond stand noch immer am Himmel, doch er war schon ein gutes Stück weiter nach Westen gezogen. Hias lag in nassen Kleidern am Rand des Weizenfeldes. Ganz so, als ob er es nie betreten hätte. Er setzte sich auf. In diesem Augenblick zerbrach seine heile Welt. Zum ersten Mal sah er den Schnitter. 

Langsam und bedächtig schritt der finstere Geselle über den Acker. Er kam geradewegs auf Hias zu. Dürr, hochgewachsen und gekleidet in eine altertümliche Tracht verursachte er nicht ein einziges Geräusch. Sein Gesicht lag verborgen unter einer breiten Krempe, er hielt das Haupt gesenkt, und sein Hut verdeckte bis auf wenige Strähnen das schlohweiße Haar. Wie von Geisterhand teilten sich die schwachen Halme vor ihm, neigten die jungen Ähren und gaben unterwürfig den Weg frei. In jeder Hand hielt er eine glänzende Sichel, und wo die Klingen die Pflanzen berührten, stieg eine Rauchfahne empor. Die Blätter schienen von innen heraus zu verbrennen. Hias konnte sich nicht rühren, sein Herz raste, sein Atem pumpte, doch seine Glieder versagten den Dienst. Dann hatte der Schnitter ihn erreicht. Schreiend schoss Hias in die Höhe. 

 

"Ruhig! Um Gottes willen! Ruhig! Beruhigen Sie sich!" Es war Rosalie, die an seiner Seite stand. Sie hielt vorsichtig seine Hand umschlungen und flüsterte ihm freundlich ins Ohr. "Willkommen zurück."

Hias zitterte am ganzen Körper. Er lag in einem fremden Bett. 

"Ist er wach!?" Aus der Küche drang Franziskas Stimme zu ihnen herüber. Dann ertönte das Geräusch einer elektrischen Kaffeemühle. 

"Ja. Und er schaut aus, als hätte er den Tod gesehen!" Rosalie lachte. "Ich meine, das war natürlich nicht DER Tod. Der würde ja kaum persönlich hier herumlaufen, oder? Es könnte höchstens sein, dass er sich verirrt hat, aber das tut er selten. Überhaupt ist er meistens woanders beschäftigt. Entschuldigen Sie, ich plappere schon wieder ..." 

Hias hörte nur einzelne Wortfetzen. Er schaute sich um. Wie war er hierher gekommen? Ein schiefes Bücherregal, ein Bauernschrank, Linoleum-Fußboden, rote Gummistiefel neben der Tür und zwei abgewetzte Biedermeierstühle. Über der Heizung am anderen Ende des Raumes hing seine tropfende Dienstjacke. Sie war vollständig durchweicht. Rosalie tätschelte aufmunternd seinen Handrücken. 

"Hallo? Sind Sie noch bei mir?"

"Ich bin Hias."

Sie strahlte ihn an. "Schön!" Es dauerte einen Augenblick, bis der Groschen fiel. "Entschuldigung. Ich Schaf! Ich heiße Rosalie." Sie drehte den Kopf zur Tür. "Hey, Franzi, wir sind schon per du!"

Es war nicht nur die Dienstjacke, die auf der Heizung hing. Dort trockneten auch seine Hose und sein Hemd. Ebenso die verfärbten Socken. Hias richtete sich auf. 

"Dreiviertel fünf, guten Morgen!" Franziska stellte einen frisch gebrühten Kaffee auf dem Nachttisch ab. "Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns so schnell wiedersehen." Sie setzte sich neben die Türe und stützte abwartend das Kinn in die Hände. Hias spürte jeden noch so kleinen Knochen im Körper. Er stöhnte. Er fühlte sich von Kopf bis Fuß zerschlagen. 

"Was hast du eigentlich da draußen gesucht?" Rosalie hockte sich auf die untere Kante des altmodischen Bauernbetts und musterte ihn aus nächster Nähe. Hias schluckte. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie ihm nur die Unterhose gelassen hatten. Verlegen zog er die Decke ein Stück höher unter das Kinn. Er musste sich konzentrieren. Das irre Jaulen zumindest war verstummt.

"Ich meine, das ist schon seltsam, dass du mitten in der Nacht das ganze Tal zusammenschreist", fuhr Rosalie fort. "Eigentlich bist ja du derjenige, der hier für Ruhe sorgen soll ..." Sie deutete auf die durchnässte Jacke mit der Aufschrift Ordnungsamt. "Ich dachte, Baden wäre nicht gestattet?!" 

"Ist es auch nicht ..." Hias Gedanken drehten sich im Kreis. Seine zersplitterten Erinnerungen waren so absurd, dass sie einfach nicht wahr sein konnten. Wen oder was, um Himmels willen, hatte er da gesehen?  

"Also?" Rosalies Tonfall wurde fordernder. 

"Es hat ein paar Beschwerden gegeben", stammelte Hias schließlich. "Wegen nächtlicher Ruhestörung. Und da wollte ich schauen, ob ..." 

Die Gewissheit traf ihn wie das kalte Wasser, in das er gesprungen war. Er hatte es tatsächlich getan. Er war in voller Montur in die Schwarze Laber gesprungen!

"Ob wir wilde Partys feiern?" Rosalie hob skeptisch die rechte Augenbraue. "Und? Irgendwas Auffälliges beobachtet?" 

Hias zögerte. Die Bilder, die in seinem Kopf hin und her schossen, waren so irr, dass sie einfach nicht zusammenpassen wollten. Die beiden Frauen würden ihn für wahnsinnig halten, wenn er verriet, woran er sich erinnerte. Sein Hirn raste auf der Suche nach Ausflüchten. Vielleicht war ihm das Weißbier zu Kopf gestiegen, oder die Kombination mit Schwarztee war keine gute Idee gewesen, oder er hatte sich im kalten Wasser den Kopf angestoßen. Irgendetwas davon musste diesen Albtraum doch erklären. Warum nur war er über den Acker gelaufen?  

"Hias?" Rosalies tiefbraune Augen zogen ihn sanft aus seiner Gedankenwelt. Sie hielten ihn fest, luden ihn ein, sich zu öffnen, und unwillkürlich stieg in ihm das Verlangen auf, ihr jede nur erdenkliche Antwort zu geben. Doch er kannte ihre Frage nicht. Schweigend starrten sie einander an. 

"Nichts", antwortete Hias schließlich. "Da war nichts."

"Ach so?!" Franziskas Stimme klang überrascht. "Aber die Schreie ..."

"Ein paar Jugendliche", log Hias schnell. "Die haben wahrscheinlich gekifft. Und als ich hin bin ... na ja ... da bin ich ausgerutscht ..." 

"Und ins Wasser gefallen. Dachte ich's mir doch!" Damit beendete Rosalie die peinliche Situation. "Bei der Kälte hätte ich bestimmt auch gequiekt wie ein abgestochenes Schwein!" 

"Rosalie!" Franziska lachte. 

"Was denn? So hat er sich eben angehört. Warst du schon mal bei einer Hausschlachtung dabei? Das kann ganz schön laut werden ..." 

 

Als Hias den Heimweg antrat, wollte er alles nur noch so schnell wie möglich hinter sich bringen. Er steckte in einem viel zu engen Strickpullover, den Franziska ihm geliehen hatte, und einer grauen Latzhose, die bei den Renovierungsarbeiten am Hof liegen geblieben war. Seine Dienstkleidung tropfte aus dem Rucksack und er hatte eine halbe Stunde in der Morgendämmerung die Wiese absuchen müssen, um den Fotoapparat wiederzufinden. Die Decken hingen immer noch in den Bäumen und der Klappstuhl war inzwischen über Sinzing und die Donau auf dem Weg ins Schwarze Meer. Der Pullover zwickte furchtbar unter den Achseln und die nassen Schuhe zogen bleiern an den Füßen. Das Schlimmste aber war die drohende Blamage, wenn ihm jemand so begegnen würde. Hias trat in die Pedale, und er schaffte es tatsächlich ohne weitere Störungen nach Hause. Erst, nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, setzte das Zittern wieder ein. Der Schrecken bahnte sich einen Weg zurück ins Bewusstsein. Wäre Franziskas entsetzlicher Pullover nicht ein untrüglicher Beweis für das Geschehene, hätte Hias sich selber kein einziges Wort geglaubt. Was um alles in der Welt hatte er dort gesehen?